Beyond reality – Wenn äußere Grenzen sich schließen, müssen innere sich öffnen!

Autorin: Jutta Böttcher

Unter diese Überschrift möchte ich heute mein Plädoyer für hochsensible Krisenkompetenz stellen. Seit Jahren beschäftigt mich dieses Thema. Seit Jahren reden wir darüber. Mir stellt sich die Frage, wo sind wir jetzt gerade damit angekommen?

Wenn Hochsensibilität ein Persönlichkeitsmerkmal ist, mit dem ca. 15-20% aller Menschen leben, dann ist diese Prozentzahl ist zu hoch, um das Phänomen als eine Störung zu bezeichnen. Da sich dieses Verhältnis bei über 100 Gattungen im Tierreich wieder finden lässt, kann ich mir gut vorstellen, dass es ein sinnvolles Verhältnis ist, um das Überleben einer ganzen Spezies zu sichern.

Wenn also die Aufgabe darin besteht, die weniger sensiblen 80% rechtzeitig darauf aufmerksam zu machen, dass Gefahr im Verzuge und der bedrohliche Ort so schnell wie möglich zu verlassen ist, wie ändert sich dann die Aufgabe, wenn die Flucht nicht möglich ist? Für viele bedeutet das den Weg in die Resignation oder Traumatisierung.

Ein verheerendes Geschehen, welches mich in der Beobachtung des weltweit verordneten Lockdowns in der Covid 19-Pandemie immer wieder erreichte. Dem Lockdown folgte bei vielen der Shutdown des Nervensystems, das auf eine solche existenzielle Bedrohung mit Erstarrungsmustern und Ohnmachtsgefühlen reagiert – nicht die beste Grundlage für ein starkes Immunsystem, der einzigen bisher wirksamen Waffe gegen den unbekannten Feind in Gestalt des Corona-Virus.

Lösungen finden sich nicht dort, wo Probleme entstanden sind

Dieser Satz hat mich nicht losgelassen und auf andere Wege aufmerksam gemacht.

Sie erschlossen sich mir in der Möglichkeit einer radikalen Akzeptanz dieser äußeren Begrenzung in dem gleichzeitigen Bestreben, sich innerlich weit zu öffnen. Im Innehalten und Erspüren dessen, was sich über die bewusste Wahrnehmung hinaus mit allen zur Verfügung stehenden Sinnen zeigt, erscheinen gerade in Momenten von gedanklich empfundener Ausweglosigkeit plötzlich neue Möglichkeiten. Anstatt Verzweiflung bringt das Aufleuchten einer neuen und anderen Szenerie wieder Hoffnung und damit Handlungsfähigkeit hervor. In einem solchen Moment wird mir deutlich, dass unsere „Wirk-lichkeit“ nichts anderes ist, als ein gedankliches Konstrukt, dem wir entweder zum Opfer fallen oder es transzendieren können. Lösungen finden sich nicht dort, wo Probleme entstanden sind, sondern immer auf einer übergeordneten Ebene – beyond reality!

Was zunächst wie ein Paradox klingt, beschreibt zugleich die erstaunliche Krisenkompetenz hochsensibler Menschen. Ausgerechnet jene, die im Alltagsstress eine zu dünne Haut zu haben scheinen, um langfristig bestehen und leistungsfähig bleiben zu können, beweisen in Krisensituationen ihre Fähigkeit, inne zu halten und sich in einen Zustand stimmiger Verbundenheit zu bringen. Voraussetzung ist, dass diese Fähigkeit bewusst und geschult ist – dann werden Hochsensible zum Fels in der Brandung mit neuen Ideen zur Lösung scheinbar unlösbare Probleme.

Der Wandel vom ICH zum WIR

Die Geschichte einer hochsensiblen Kleinunternehmerin in ihrem Umgang mit dem Lockdown lässt auf wunderbare Weise deutlich werden, worum es geht:  Als ihr Catering- Unternehmen von einem Tag zum anderen seine Existenzgrundlage verlor, sagte sie zu ihrer Geschäftspartnerin: „Lass mich eine Stunde allein. Ich will in die Luft greifen und einen neuen Raum eröffnen.“ Als die Kollegin nach einer Stunde zurückkehrte, hatte sich eine lange Liste von Möglichkeiten offenbart, die gerade in dieser Situation dazu beitragen könnten, dass Menschen trotz der strengen Einschränkungen Fürsorge erfahren, Verbundenheit erleben und gesund bleiben könnten. Wie viele andere auch, nutzte sie das Know-How ihres kleinen flexiblen Unternehmens für neue Wege, die anderen helfen konnten und zugleich für sie selbst das beglückende Gefühl von Schaffens- und wirklicher Schöpferkraft aufrechterhielten.  Mehr konnte sie für ihre und die Gesundheit ihrer Mitmenschen gar nicht tun!

So entstand eine Stadteilküche, die Menschen weiterhin mit gesundem und liebevoll gekochtem Essen versorgte – eine Idee, die sich auch nach der Lockerung der Beschränkungen als so wirkungsvoll erwies, dass sie zwar in anderen Händen, aber auf alle Fälle fortgesetzt wird. Diese Geschichte ist ein Beispiel, wie sich Wandel vom ich zum wir unter einer Krise vollziehen kann. Gleichzeitig schenkte diese Arbeit, während sie sie ausübten, den beiden Frauen eine Fülle neuer Ideen für die Zeit nach dem Lockdown. Staatliche Hilfe für ihr nacktes Überleben fällt hier auf einen fruchtbaren Boden von Innovation und sozialem Engagement.

Nicht zu vergessen ist in diesem Zusammenhang auch die Rolle der Künstler, unter denen auch sehr viele hochsensible Menschen zu finden sind. Ausgerechnet sie, denen ebenfalls von einer Stunde zur anderen die Existenzgrundlage entzogen wurde, fanden oft Wege, Menschen mit ihren Darbietungen für Freude und Verbundenheit zu öffnen. Die unglaublich berührenden Balkonkonzerte in Italien, mit denen die Menschen gemeinsam der Trennung und der Einsamkeit in der Angst einen Kontrapunkt entgegen setzten, sind ein gutes Beispiel dafür. Ebenso wie die Konzerte oder Ballettvorführungen, die online entstanden, während die Musiker und Tänzer in ihrer Wohnung Teil des Orchesters oder der Choreographie wurden.

Das Wachstum aus der Krise ist die Gegenbewegung

Nicht nur die Liste des Schreckens, sondern auch die Liste dieser Aktivitäten und Initiativen ließe sich noch lange fortsetzen – eine Liste, die mich zu Tränen rührt, weil sie etwas lang Verschüttetes in jedem von uns anklingen  lässt: den unbedingten Willen, dazu beizutragen, dass es dem anderen gut gehen möge, und ich ganz persönlich oder dieses Unternehmen einen Beitrag dazu leisten kann!

Dieses Wachstum aus der Krise ist die Gegenbewegung und vielleicht auch die Lösung für all die Probleme, die sich aus der gedanklichen Fixierung, dass Überleben und Wohlbefinden der Gesellschaft ausschließlich über ein „Höher, Weiter, Schneller“ und beständigem „Mehr“ zu erreichen wäre, ergeben. Dieses Wachstum gilt es zu beachten, wenn wieder einmal eine ausweglos erscheinende Entwicklung zu einer weltweiten Rezession jede Hoffnung auf Regeneration schwinden lässt.

Es lässt sich beschreiben mit Begriffen wie Antifragilität – dem Wachstum aus Unsicherheit und Chaos, oder mit einem Begriff, mit dem sich die Pioniere unter den Forschern zur Hochsensibilität, das Ehepaar Dr. Elaine und Arthur Aron, tief auseinander gesetzt haben: Self- Expansion. Für mich ist es kein Zufall, dass es ausgerechnet die Pioniere in der Forschung zur Hochsensibilität sind, die diesen Begriff geprägt haben- geht es doch um das persönliche Wachstum zunächst in romantischen Liebesbeziehungen, das als Win-Win-Situation entsteht, wenn der eine den Raum für das Wachstum des anderen öffnet, und diese Erfahrung wieder in die Partnerschaft einfließen kann. Gemeinsam sind wir dann mehr als die Summe unserer einzelnen Existenzen. So kann unser Nervensystem, anstatt im Shutdown von Trennungserleben und Angst zu kapitulieren, in einen Zustand höchster Regulationsfähigkeit gelangen, der sich im Erleben sozialer Zugewandtheit einstellt.

Mehr denn je versteht sich Aurum Cordis mit all seinen Aktivitäten im Dienste der Entwicklung von Self- Expansion und Antifragilität gerade hochsensibler Menschen, um immer mehr von ihnen darin zu unterstützen, ihre Fähigkeit zu stärken, den dafür notwendigen „ Zwischenraum“ sowohl zur Verfügung zu stellen wie auch für sich selbst nutzen zu können.

Autorin: Jutta Böttcher

2 Idee über “Beyond reality – Wenn äußere Grenzen sich schließen, müssen innere sich öffnen!

  1. Avatar
    Parvati sagt:

    Vielen Dank für den tollen Artikel! Er zeigt einmal mehr, dass Hochsensibilität letzten Endes die Fähigkeit eines lebendigen Systems ist, seine Umwelt auf allen Ebenen ( materiell, geistig, emotional, feinstofflich ) besonders detailliert wahrzunehmen und darauf zu antworten.

    Mir scheint, dass das (vegetative) Nervensystem dabei eine entscheidende Rolle spielt. Bei HSP spricht es viel schneller auf äußere Reize an, was die Aufgabe mit sich bringt, körperliche Spannung, Gefühle wir Angst und Ohnmacht bis hin zu belastenden Gedanken „halten“ zu können. Was in schwierigen Umständen als fragil und vom Betroffenen selbst als unangenehm empfunden wird, ist genauer betrachtet eine enorme Stärke, die sich wie oben beschrieben dann in Ausnahme- und Krisensituationen als besondere Kompetenz zeigen kann.

    Ideal wäre es, traumatische Erlebnisse, die bis auf die Zellebene reichen, zu integrieren, um mehr innere Kapazität zur Problemlösung im Hier und Jetzt zur Verfügung zu haben. In diesem Zusammenhang möchte ich auf die Polyvagal Theorie von Stephen Porges aufmerksam machen, die dieses „Halten“ innerer Vorgänge bei Stress eindrücklich erläutert und Wege aufzeigt, wie das Vegetativum, das bei HSP oft bis ständig alarmiert ist, beruhigt werden kann, damit sich kreative Lösungen einstellen können. Insofern ist für mich die Aussage „Wenn äußere Grenzen sich schließen, müssen innere sich öffnen!“ stimmig, wenn man berücksichtigt, dass es dazu sehr viel „innere Sicherheit“ im Sinne eines beruhigten vegetativen Nervensystems braucht.

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