Der Ort zwischen richtig und falsch

Autorin: Sabrina Görlitz

Eine Hommage an die Ambivalenz

Vor gut zwei Monaten schrieb ich für diesen Blog einen Text über das Jetzt zwischen dem Davor und dem Danach. Da hatte das ganze Land – beinahe die ganze Welt – gerade damit angefangen, den Betrieb einzustellen. Die einzigen, die aufdrehten, waren die Kirschblütenbäume. Mitten im März blühten sie schon was das Zeug hielt, und ich stellte mich jeden Tag mindestens einmal unter ein rosafarbenes Blütendach und beschwor meinen Fünfjährigen, das Gleiche zu tun. Wenn Kirschblütenbäume blühen, haben sie magische Kräfte, die unser Immunsystem stärken, erklärte ich ihm. Ich hielt das im wahrsten Sinne des Wortes für eine wundervolle Idee, und nach ein paar Tagen zweifelte ich selbst nicht mehr daran. „Ich glaube an Rosa“, hat schon Audrey Hepburn gesagt, also warum auch nicht?

Nun, Mitte Mai, sind alle Blüten längst wieder vom Winde verweht, und das Land wird wieder hochgefahren. Während ich in meinem letzten Beitrag noch fabulierte, dass die Früchte dieser Zeit so etwas wie eine gemeinsame Erinnerung sein können, in der wir uns zukünftig wahrhaftig(er) begegnen werden, bin ich mir heute schon nicht mehr so sicher. Kirschblütenbaume tragen auch keine Früchte. Überhaupt bin ich mir in Bezug auf so vieles, das diese Pandemie mit sich gebracht hat, einfach nicht sicher. Jetzt gerade habe ich noch nicht einmal ein klares Gefühl dafür, in welche Richtung dieser Text gehen soll. Ich schreibe ihn trotzdem. Denn genau darum soll es heute gehen, in den Anfangstagen des „Danach“ – um Ungewissheit, um Ambivalenz, und über die große Kraft, die beidem innewohnt.

Vielleicht hält man es im Rosa besser aus?

Letzte Woche zoomte ich mit Mechthild Rex Najuch. Sie hat wie ich am Fach.Buch Hochsensibilität mitgeschrieben. Darin bin ich die Grenzgängerin mit Sinn für Wunder (von wegen magische Kirschblüten und so), und sie die Grenzgängerin zwischen Naturheilkunde und Wissenschaft. Wir hatten über verschiedene Corona -Theorien gesprochen, dass die Wahrheit oft nicht schwarz oder weiß ist, sondern meistens grau, und dass es vielen Menschen schwerfällt, sich in eben jenem Grau zu bewegen. Und dann schlug Mechthild genialer Weise vor, dass man vielleicht einfach von einem Weiß-Rot-Denken ausgehen sollte. Dann wäre die unbeliebte Grauzone auf einmal rosa, und vielleicht hält man es im Rosa besser aus. Das Bild lässt lässt mich seitdem nicht mehr los.

„Until you’ve made up your mind, I’ll settle for grey.“ Bis du dich entschieden hast, werde ich mich mit grau zufrieden geben. Vor sehr langer Zeit schrieb mir ein einstiges Love Interest diese Abschiedsworte in eine E-Mail, nachdem ich mich einfach nicht entscheiden konnte, ob ich ihn nach einem Streit weiterhin beschimpfen oder endlich vergeben wollte. „I’m a black or white person“, hatte ich ihm erklärt, und dazu kam der verkomplizierende Umstand, dass ich gerne und schnell zwischen Weiß und Schwarz hin und her sprang. Er hingegen zog sich mit erhobenen Händen in sein graues Exil zurück und kündigte sogar an, dort geduldig auf mich zu warten. Ich habe ihn niemals abgeholt. Bis heute ist meine Sicht auf die Ereignisse verschwommen, und ich kann nicht sagen, ob ich sein damaliges Verhalten immer noch unverzeihlich finde, oder ob ich ihm vielleicht sogar furchtbar Unrecht getan habe. Weil irgendwie beides stimmt. Was aber würde mit dieser augenscheinlich tristen Mischmasch-Wahrheit passieren, wenn ich Mechthilds Vorschlag folge und sie bunt einfärbe? Könnte ich dann klarer sehen, ohne mich entscheiden zu müssen?

Die Kunst, sich in der Grauzone zu orientieren

Zurück zu Corona. In einer Whats App Gruppe teilte neulich ein Teilnehmer ein Video, in dem sich jemand ausgiebig darüber ausließ, warum die ganzen Maßnahmen rund um das Virus mehr oder weniger unnütz seien, und dass sie eigentlich nur der persönlichen Interessenverfolgung von Politikern und Virologen dienen. Ein anderes Chatmitglied schwang umgehend die Alu-Hut-Keule, während andere wiederum über Mut und die dringend angezeigte Courage sprachen, kritische Dinge auszusprechen. Und ich?
Ich konnte mich nicht entscheiden und klickte schweigend, und bevor es noch ungemütlicher wurde, auf „Gruppe verlassen“. Das aufs erste Hinspüren so schwer auszuhaltende Gefühl, auf das ich überstürzt und unreflektiert reagiert hatte, war der Umstand, dass ich beide Seiten verstehen konnte. Gleichzeitig waren mir die jeweiligen Argumente zu einseitig, und ich ertappte mich dabei, dass ich sie jeweils mit ihrem Gegenteil entlarven wollte. So ein bisschen, als wäre ich das gedehnte Gummiband zwischen den Positionen das die Spannung nicht länger aushalten konnte. Oder wollte.

Tatsächlich wird Ambivalenz oft als Schwäche angesehen. Wer ambivalent ist, ist unsicher, zögerlich und hat keine klare Meinung. Die etymologische Herleitung geht jedoch etwas anders. In seiner ursprünglichen Bedeutung beschreibt Ambivalenz die Fähigkeit, eine Reihe von konkurrierenden Möglichkeiten gleichzeitig zu pflegen, ohne vorzeitig in Gewissheit zu verfallen, in dem alle anderen Möglichkeiten beseitigt werden. Vielmehr ist Ambivalenz eine im Reifeprozess erworbene Fähigkeit, auf Abwehr durch Spaltung zu verzichten und gegensätzliche Erlebniszustände gleichzeitig ertragen zu können.
Ambivalenz, in meinen Worten, ist demnach auch die Kunst, sich in der Grauzone zu orientieren und ohne Eile durch sie hindurch zu navigieren – und zwar mit all den sich widersprechenden Wünschen, Gefühlen und Gedanken gleichzeitig an Bord. Die Meisterschaft der Ambivalenz zeigt sich darin, die Spannung halten zu können, und darin ihren polaren Gegensatz, die Entspannung zu finden. Ein gelassener Umgang mit der eigenen Ambivalenz bedeutet, die vermeintliche Unklarheit zu kultivieren, damit sich wahrhaftige Klarheit überhaupt erst einstellen kann. Das macht Ambivalenz zu einer Qualität, die wir dringend brauchen, jetzt mehr denn je.
Es geht nicht darum, so schnell wie möglich zu wissen, sondern so lange wie nötig zu lernen. In einer schwarzweißen Welt jedoch, die in richtig und falsch und in Gut und Böse aufteilt, wird Lernen meist nur vordergründig akzeptiert. „Learning on the job“ halten die meisten für eine gute Sache, aber die wenigsten wollen der Job sein.

Nicht die Tür entscheidet, ob sie verschließt oder öffnet

Beinahe wäre mein Sohn ein Zwilling geworden, also vom Sternzeichen her. Ich gebe zu, ich hegte Klischee behaftete Vorbehalte gegen den Zwilling und war froh, dass mein Baby etwas auf sich warten ließ und ein Krebs wurde, dem der Ruf des Harmoniesüchtigen vorauseilt. Zwillinge hingegen, so heißt es doch gern, sind gefährlich, denn sie haben zwei Gesichter. Im Zuge meiner Auseinandersetzung mit dem Thema Ambivalenz sehe ich diese augenzwinkernden und doch hartnäckigen Vorurteile in einem anderen Licht. Unterschiedliche Standpunkte sind nicht dazu da, um sich gegenseitig zu entfremden oder auszuschließen, sich zu ersetzen oder gar überflüssig zu machen. Vielleicht sind sie vielmehr dafür da, dass der andere auftaucht und gesehen wird, wie ein Zwilling. Wenn nur einer im Raum ist, weißt du immer noch, wie der andere aussieht.                                   
In diesem Zusammengang fällt mir auch noch Janus ein – der Gott aus der römischen Mythologie mit den zwei am Hinterkopf verwachsenen Köpfen. Der Begriff „janusköpfig“ wird in der deutschen Sprache als ein Synonym für Zwiespältigkeit verwendet. Dem Charakter des bei den Römern hoch angesehenen Gottes Janus entspricht diese Verwendung des Begriffes allerdings überhaupt nicht. Janus blickt nicht nur in eine Richtung, und auf diese Weise eröffnet und verschließt er zugleich. Darum wird er auch der Gott der Tore und der Türen genannt, der Gott des Anfangs und des Endes, der Gott des Durchgangs. Als stets „Gegenwärtiger“ blickt er gleichzeitig in die Vergangenheit und in die Zukunft, zurück zum Ursprung und voraus auf die mögliche Vollendung, auf das Glück und auf die Zumutungen im Leben. Von Janus können wir lernen, dass nicht die Tür entscheidet, ob sie verschließt oder öffnet, sondern derjenige, der sie zum Heraustreten oder zum Schutz verwendet. Und: Pendeln ist ausdrücklich erlaubt!

Könnte nicht auch beides schwimmen?

In den vergangenen sieben oder acht Wochen habe ich gefühlt eine Lektion nach der anderen in Ambivalenz erhalten. Beinahe jedes Mal, wenn ich glaubte, einen Standpunkt zu haben, ist er mir wie ein nasser Fisch wieder aus den Händen geflutscht. Isolation älterer und pflegebedürftiger Menschen: unbarmherzig oder vollkommen vernünftig? Stillliegende Wirtschaft: vernachlässigungspflichtig gegenüber der Gesundheit oder Kollateralschäden ungeahnten Ausmaßes in Kauf nehmend? Geschlossene Kitas und Schulen: völlig gerechtfertigt, um Leben zu schützen oder eine unverhältnismäßige Zumutung für Kinder und ihre berufstätigen Eltern?
Doch was passiert, wenn ich jetzt mal janusköpfig draufschaue: Könnte nicht auch jeweils beides stimmen? Wie fühlt es sich an, wenn ich das entweder/oder durch ein und ersetze? Wenn ich mich jetzt gar nicht entscheiden muss, nicht versuche, von meinem gegenwärtigen Standort auf dem schnellsten Weg nach A oder B zu kommen, sondern einen Augenblick in dem verbindenden Und verweile? Wenn ich statt vorschneller Meinungsbildung geduldig in die Ambivalenz hinein lausche und sie frage, was sie mir noch zu zu sagen hat?

Unabhängig davon, ob all die Schließungen und Einschränkungen gerechtfertigt waren, oder ob möglicherweise sogar irgendwelche „Masterpläne“ dahinterstecken, die es aufzudecken gilt: Ich fand es erstaunlich, wie schwer es vielen Menschen fällt, es einfach mal eine Weile mit sich selbst auszuhalten. Dass der Aufruf, zuhause zu bleiben, von einigen mit Freiheitsentzug gleichgesetzt wurde. Dass immer wieder bloß von „den Alten“ gesprochen wurde, als wären sie eine verzichtbare Randgruppe, ohne Wertschätzung für Millionen von Jahren an Lebenserfahrung und -geschichten. Dass sich auf eine Rückkehr zur „Normalität“ gefreut wird, wenn es doch diese Normalität ist, die, wenn man sich wirklich traut genauer hinzuschauen, uns diesen ganzen Mist überhaupt eingebrockt hat. Dass all die in Vergessenheit geraten sind, die nicht an Corona sterben, sondern in Altenheimen, Krankenhäusern und Hospizen an was auch immer, und die in dieser Zeit noch isolierter sind, als sterbende und trauernde Menschen es heutzutage ohnehin schon sind. Dass so viele Menschen scheinbar komplett vergessen haben, dass auch sie sterblich sind.
Und ich war von mir selbst erstaunt, dass ich es anfangs völlig inakzeptabel fand, wenn Menschen sich vermeintlich unbeeindruckt von der Situation zeigten, und wie sich mein Gefühl dazu über die Wochen verändert hat. Als dieser Satz des texanischen Gouverneurs um die Welt ging, dass „es wichtigere Dinge gibt als das Leben“, habe ich tatsächlich einen Moment innegehalten und über diesen Satz nachgedacht, anstatt ihn sofort zu verurteilen. Ich stimme ihm weder zu, noch lehne ich ihn uneingeschränkt ab. Ich lerne im Dazwischen.

Ambivalenz ist der Ort zwischen richtig und falsch

All das sind Dinge, über die wir auch sprechen sollten, finde ich. Weil sie sonst zu leicht in den Hinterhalt geraten, auf der Jagd nach der einen großen Wahrheit. Wenn wir die Ambivalenz scheuen, dann verlieren wir all die kleinen Wahrheiten – irgendwo auf freier Strecke zwischen Streuen und Entlarven von Verschwörungstheorien und dem gerecht- oder ungerechtfertigten Bashing von überforderten Politikern, die genau wie wir Angst vor dem Grau haben und lieber in vermeintlich sicheren Positionen verharren. Dabei Ambivalenz ist der Ort, an dem es zwar „spannt“, aber wo es auch wirklich spannend wird. Ambivalent ist, wer Fragen hat, die den Antworten standhalten. Und dann, wenn sie es nicht mehr tun, neue Fragen stellt. Wer so viel wie möglich lernen will, ohne zu riskieren, darüber den Sinn für Wunder zu verlieren. Ambivalenz ist der Ort irgendwo zwischen richtig und falsch, der Ort, an dem wir uns treffen, wenn es nach Rumi geht. Es ist der Ort, an dem wir das Nichtwissen umarmen und wo sich statt Wissen der Raum der Möglichkeiten öffnet. Wenn auch wir uns neugierig und ohne Widerstand unseren ambivalenten Gefühlen öffnen, dann ist es immer auch eine Möglichkeit, diese Gefühle für die Welt zu öffnen. Indem wir sie mit anderen teilen.

In meinem letzten Beitrag habe ich gesagt, dass ich immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der Geschichte bin. Ich möchte heute, wo die Tore und Türen wieder öffnen, im Sinne von Janus, dem Gott des Durchgangs, noch etwas ergänzen: Wenn du nicht beide Seiten der Geschichte erzählst, erzählst du nicht die ganze Geschichte. Dann bleibt sie weiß. Oder rot. „Ich glaube an Rosa“ hat Audrey Hepburn gesagt. Ich auch. Und an Kirschblütenbäume, bedingungslos, obwohl sie niemals Früchte tragen.

Und wenn du dir jetzt unsicher bist, ob dir der Text gefällt oder nicht – auch das ist okay.

Autorin: Sabrina Görlitz

5 Idee über “Der Ort zwischen richtig und falsch

  1. Katri Vahs sagt:

    Hei Sabrina,
    Ich bin froh auf deine Erzählung gestossen zu sein, hat meinen Sonntag Nachmittag bereichert und mich auch in einen Raum irgendwo da zwischen gebracht, wo ein enormes Wissen und gleichzeitig ein Nicht-Wissen existiert, wo ich meiner Fülle des nicht – entscheidens geniessen kann, einfach nur so schweben – über den Dingen…super!
    Lieben Dank,
    Katri

  2. Bianca Skibbe sagt:

    Liebe Sabrina,
    ich danke dir für diesen herrlich ambivalenten Artikel. Dieser Text zeigt so wunderbar auf den Punkt, wie viele Menschen sich fühlen, dieses gefühlte „nicht Ja und nicht Nein“ – rumeiern sagen wir in der Familie dazu. Die Freiheit sehen zu können, ich muss mich jetzt gar nicht entscheiden und kann einfach mal Schritt für Schritt gehen und spüren wie sich etwas anfühlt… Dieses „im Rosa verweilen dürfen“ es braucht einzig und allein meine eigene Erlaubnis. In der Farbbedeutung habe ich auch die Hochsensibilität wiedererkannt: Sanftheit und Stärke = weiß steht für Reinheit und Unschuld, was für mich sanfte Aspekte sind, rot für Energie und Leidenschaft, also stärke. Von daher danke ich dir sehr für den Hinweis ruhig beides sein zu dürfen. Herzlichen Dank für den inspirierenden Text.

  3. Kaja sagt:

    Liebe Sabrina.
    Nach namentlicher Erwähnung bei Aurum Cordis habe ich nach dir geforscht. Und treffe auf diesen wunderbaren Artikel, der so viel aus meiner Lebenserfahrung zu enthalten scheint. Die Ergänzungen von Bianca ergänzen meine Wahrnehmung wohltuend um Vokabeln und Bedeutungen, die noch mehr Erlaubnis zu geben scheinen.
    Herrlich deine Beschreibung, wie du den ´men in grey´ nie wieder abholst, ohne zu wissen, ob er Recht hatte oder du. Meine Erkenntnis, dass dieser Zwischenraum der Ambivalenz einfach ein lebenslanges Spannungsfeld bleiben wird, dass es auszuhalten gilt, dass aber auch trägt ist noch nicht so alt. Und meine Bereitschaft ihn zu akzeptieren, oder sogar noch zu lieben kriegt jetzt theoretische Unterkfütterun. Er ist wie ein Diaphragma, dass neben „nicht weiß“ und „nich schwarz“ genügend Spannung und Tragkraft hat, um Aufenthaltsort zu sein von dem aus sich trefflich wahrnehmen und multiperspektivisch begleiten lässt.
    In einer Trance, die ich ab und an mache, und in der die „Gesundheit“ in einem selbst eine Farbe bekommen soll, fange ich meist mit gold oder hellblau … an. Je nachdem, welche Energie heute gerade bei mir vorrangig ist. Und im Laufe der vertieften Vorstellungsarbeit muss ich regelmäßig korrigieren. Weil es sich nur dann richtig anfühlt, wenn sich die Farbe rosa durch meinen gesamten Körper bewegt und mir die Kraft der Gesundheit gibt. Ist das nicht eine wunderbare Koinzidenz?
    Herzlichen Dank für deinen klugen, persönlichen, phantasievollen und lebendigen Artikel.

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