Professionell verliebt: Über Seelenbegegnungen in helfenden Berufen

Autorin: Sabrina Görlitz. Neulich rief mich Jutta Böttcher an. Für das bevorstehende Symposium „Sich im Wandel wiederfinden – wenn das Alte nicht mehr trägt, und das neue noch nicht sichtbar ist, hatte sie einen ganz besonderen Vortrag in Arbeit. Der Titel: Du darfst deinen Klienten lieben“. Sie wollte wissen, wie meine Haltung zu dem Thema ist. Zum einen entspringe ich der Aurum Cordischen „Hochsensibilität-Experten-Schmiede“, zum anderen arbeite ich seit rund zwei Jahren als „Geschichtenpflegerin“ auf einer Palliativstation, das heißt ich befasse mich dort mit den Biografien sterbender Menschen und halte ihre wertvollsten Erinnerungen und Gedanken fest für die, die sie zurücklassen werden. Viel intimer geht’s kaum. „Und deswegen wollte ich wissen, was du dazu meinst“, sagte Jutta, nachdem sie mir von ihrem Vorhaben und ihren bisherigen Überlegungen erzählt hatte. „Ich frage mich, ob ich das so sagen kann. Ob das so geht“. Ich hielt einen Moment inne, bevor ich antwortete, aber nur kurz. „Ich glaube, es geht nicht nur darum, ob das so geht. Ich würde vielmehr sagen, es geht gar nicht anders. Es muss sogar so.“

Ich dachte noch eine ganze Weile an dieses Gespräch, zumindest lange genug, dass ich Jutta gestern fragte, ob ich in Anlehnung daran einen Artikel für den Aurum Cordis Blog schreiben darf. Beinahe hätte ich auch am Symposium teilgenommen, mein Thema wäre „Jenseits der Hoffnung“ gewesen, aber ich leite eine Woche früher noch eine Veranstaltung im Rahmen der Hamburger Hospizwoche, und das wurde mir dann, typisch hochsensibel, doch etwas zu viel. Aber mir kam der Gedanke, dass der innere Ort, an dem wir die Hoffnung ziehen lassen und der Ort, an dem wir beginnen, unsere Klienten beziehungsweise unsere Patienten zu lieben, ziemlich viel miteinander zu tun haben, vielleicht sogar derselbe sind. Darüber möchte ich eine kleine Geschichte erzählen. Sie ist sogar wahr.

*

Die Tür stand offen, daher klopfte ich gegen den Rahmen. „Darf ich reinkommen?“ Der Patient hob den Kopf. „Sie sind doch schon drin“. Er warf mir ein warmes Lächeln entgegen. Ich schob aus sicherer Distanz kurz meine Maske runter und lächelte zurück. Diesen Moment habe ich mir in der ganzen Pandemie nicht nehmen lassen. Es ist ein bisschen wie Eintritt zahlen, finde ich, wenn man einen Teil der sehr begrenzten Zeit eines Sterbenden in Anspruch nehmen möchte. Und ich habe festgestellt, dass Menschen an der Grenze zum Tod einen sehr feinen Spürsinn dafür entwickeln, wer von all den Menschen, die sich auf so einer Krankenhausstation die Klinke in die Hand geben, nicht nur seine Arbeit anbieten möchte, sondern auch ein Stück von sich zur Verfügung stellt. Wer ihnals Person meint und nicht nur den Kranken, und wer auch sich selbst nicht draußen vor der Tür stehen lässt. Und je weniger Zeit man hat, desto schärfer wird dieser Sinn – das Gefühl habe ich oft.

Herr W., Mitte Vierzig, hatte nur noch wenig Zeit, glaubte der Chefarzt. Er war schon seit knapp zwei Wochen auf der Station, ich hatte ihn noch nicht kennengelernt, da ich in genau jenen zwei Wochen im Urlaub gewesen war. „Er verschlechtert sich von Tag zu Tag, wird immer schwächer.“ Der Chefarzt erzählte mir auch, dass Herr W. einen minderjährigen Sohn hatte. Und dass die Mama vor einigen Jahren bei einem Autounfall verstorben war. Er selbst wiederum hatte infolge eines „chronischen Alkoholabusus“ eine Leberzirrhose entwickelt, die ihn in den kommenden Tagen höchstwahrscheinlich das Leben kosten würde. Die Idee war also, ihm anzubieten, mit meiner Hilfe einige Gedanken für sein Kind zu hinterlassen.

Ich zog mir einen Stuhl ans Bett und erzählte ihm, wer ich bin und was ich mache. Dass wir uns im Team gedacht hatten, dass es vielleicht eine schöne Sache wäre, einige Erinnerungen und Gedanken an seinen Sohn zu adressieren, und dass ich diese für ihn aufschreiben könnte. Er stimmte sofort zu, das würde er sehr gerne machen. Normalerweise verabrede ich mich mit meinen Patienten zu einem zweiten Termin, an dem wir das eigentliche Interviewgespräch führen, aber aufgrund seiner Verfassung fragte ich ihn, ob wir direkt loslegen sollten. „Wenn Sie das häufiger machen, dann sind Sie die Emotionen, die damit einhergehen können, sicher gewöhnt?“, versicherte er sich noch. „Ja“, antwortete ich, „keine Sorge. Ich halte das alles mit Ihnen aus.“
Ich klärte ihn noch kurz über mein Vorgehen auf, und nachdem er sich mit allem einverstanden erklärte, legte ich das Aufnahmegerät auf den Nachttisch. „Dann erzählen Sie mal“, lud ich ihn ein. „was muss man über Sie wissen? Was muss ihr Sohn über Sie wissen?“ Und so lernte ich Bastian kennen, der in Wirklichkeit natürlich gar nicht Bastian hieß, aber alles andere, das stimmt.

Wir redeten eineinhalb Stunden, und es schien mir fast so, als ob ihm das Sprechen mehr Kraft spendete, als dass es ihn Kraft kostete. Dabei ging es vor allem über seine gemeinsame Zeit mit seinem Sohn. Er teilte die schönsten Erinnerungen an einige unvergessliche Vater-Sohn-Momente mit mir, Erlebnisse, die beiden zumindest ein wenig über den frühen Verlust der Mama und Ehefrau hinweggeholfen hatten. Es war der Tod seiner großen Liebe gewesen, der ihn letztendlich auch hierhergeführt hatte, erzählte er.
Er sagte es ohne Bitterkeit und ohne Selbstmitleid, im Gegenteil – er fühlte sich schuldig, und er würde sich nie verzeihen, dass er es in der jüngsten Vergangenheit nicht geschafft hatte, mit dem Trinken aufzuhören. Er stirbt an seiner Trauer, dachte ich, aber sagte es noch nicht laut. „Ihr Sohn wird zwangsläufig ein Experte für Trauer werden“, begann ich stattdessen, „nach all dem, was ihm in seinem jungen Leben schon passiert ist. Was meinen Sie, was könnte er anders machen als Sie, damit er an der Trauer wachsen kann, anstatt an ihr zu zerbrechen?“

*

Als ich am nächsten Tag am Schreibtisch sitze und die Aufzeichnung abspielte, um sie zu verschriftlichen, durchlebte ich unser Gespräch ein zweites Mal. Die Momente, in denen nicht nur Bastians Stimme brach, sondern in denen sich auch so viel Liebe für seinen Sohn den Bann brach. Ich erinnerte mich, wie ich – hochgradig unprofessionell – meine Arme auf das Bettgitter gelehnt und meinen Kopf darauf gestützt hatte, während ich ihm aufmerksam zuhörte. Wie ich meine Hand im blauen Corona-Schutzhandschuh auf die Bettdecke legte, unter der ein ausgezerrter Körper lag, der zwischendurch sowohl von den Wellen der schönen Erinnerungen an die Vergangenheit als auch von den traurigen Gedanken an eine Zukunft ohne ihn erfasst wurde. Es war so traurigschön in Bastians Zimmer, und gleichzeitig so vertraut-gemütlich gewesen. Ich hätte für immer dort bei ihm sitzen bleiben können.
Ich spürte intuitiv, dass wir beide zusammen etwas ganz Besonderes geschaffen hatten – das Booklet, das ich aus Bastians Worten für seinen Sohn erstellen werde, wird diesen nicht nur daran erinnern, was Papa und er gemeinsam alles angestellt hatten, sondern ihn auch ermutigen, offen und authentisch mit seiner eigenen Trauer umzugehen. „Schluck deine Traurigkeit nicht runter. Versuch sie nicht wegzumachen, so wie ich, indem du versuchst, sie zu ertränken. Rede darüber“, hatte Bastian gesagt. „Und wenn es jemand nicht hören will oder kann, dann sind das nicht die richtigen Menschen für dich.“ 

Bastian hatte eine total angenehme, durch die Krankheit leicht heiser gewordene Stimme, und er wählte seine Worte mit Bedacht. Ich hatte mal gelesen, dass das Ohr und die Haut in enger Verbindung zueinander stehen, und das einen die gehörten Worte in Zusammenhang mit Stimmfarbe und Klang buchstäblich streicheln können. So fühlte es sich an, als ich Bastian zuhörte – während ich „live“ bei ihm war, aber auch beim zweiten Mal, als ich seinen Worten über Kopfhörer lauschte. Ich mochte, was er sagte und wie er es sagte. Und ich ließ es zu, mich im wahrsten Sinne des Wortes davon berühren zu lassen.
Ich beeilte mich mit der Verschriftlichung, denn ich hatte es hier buchstäblich mit einer Deadline zutun. Schon am darauffolgenden Tag war ich wieder bei Bastian und las ihm vor, was von ihm bleiben sollte. Einem Menschen die Essenz seines eigenen Lebens vorzulesen, das Leben, das sich nun dem Ende zubewegt, das ist jedes Mal ein ganz besonderer Moment. Bei all der Trauer ist es auch ein enorm tröstliches Gefühl, zu wissen, dass es da einen Ort gibt, der für die Krankheit nicht zu erreichen ist – nicht einmal für den Tod. Diesen Ort mit meinen Patienten aufzusuchen, empfinde ich als ein unglaubliches Geschenk, das ich jedes Mal voller Dankbarkeit im Empfang nehme. Denn es ist immer auch die wahrhaftige Begegnung zweier Seelen, die an diesem Ort stattfindet, an einem Treffpunkt, den ich nur finden kann, wenn ich bereit bin, mich ohne Vorbehalte für den anderen zu öffnen.

Wenn ich bereit bin, die Fragen, die ich ihm stelle, zumindest in der Theorie auch selbst zu beantworten. Mein Job ist es nicht, mit „dem Kranken“ zu sprechen, sondern mit dem Teil in ihm, der immer heil ist, von der Wiege bis zur Bahre, und weit darüber hinaus.
Es ist das Wissen um die Existenz dieses immerwährenden heilen Kerns und die tatsächliche Begegnung mit diesem, die dafür sorgt, dass ich mich regelmäßig in meine Patienten verliebe – auf Seelenebene. Inmitten von Blasenkathetern, Morphium und Abführmitteln, und auch dann, wenn die imaginäre Sanduhr auf dem Nachttisch beinahe abgelaufen ist. Warum also sollte ich diese wunderbare Chance verpassen?

Nun, eines der hartnäckigsten Gerüchte in helfenden Berufen ist nach wie vor, immer eine gewisse „professionelle Distanz“ zu bewahren. Die Gründe liegen scheinbar auf der Hand. Wer sich nicht abgrenzt, kann keine objektiven Entscheidungen mehr treffen, wer zu persönlich wird, handelt unprofessionell, wer zu viele Emotionen zulässt, dem droht das Burnout. Auf einer Fortbildung in der „Würdezentrierten Therapie“, wie sich meine Biographiearbeit am Lebensende offiziell nennt, sagte ich einmal in einer Gruppenarbeit, das Liebe für mich in der Beziehung zu den Patienten eine essenzielle Rolle spielt. Die anderen Teilnehmer schauten so aus, als ob sie den Gedanken doch eher etwas befremdlich fanden. Einer von ihnen berlinerte zurück: „Nee, ick kann die nich alle lieben, dat jeht nich.“ Ich war damals noch nicht so lange im medizinischen Umfeld tätig, deswegen ließ ich es so stehen. Heute würde ich mit einer Gegenfrage antworten: „Aber wie kannst du nicht?“
Ich habe wirklich lange und intensiv über dieses Thema nachgedacht, eigentlich zwei Jahre lang, seitdem ich in der Palliativarbeit unterwegs bin. So lange schon ringe ich damit. Weil ich es einfach nicht hinkriege, „professionell“ zu sein, zumindest nicht so, wie „professionell“ gemeinhin verstanden wird. Und Bastian war mein „Patient X“, sozusagen. Durch die Begegnung mit ihm entschied ich, die Segel zu streichen, und es auch gar nicht weiter zu versuchen.

*

Bastian hörte für zwei Wochen auf zu sterben. Und deswegen sah ich ihn nicht nur noch einmal zum Vorlesen, sondern auch ein drittes Mal, um ihm das Booklet zu übergeben, und sogar noch ein viertes, fünftes und sechstes Mal, um mich einfach mit ihm auszutauschen. Es schien ihm auf wundersame Weise besser zu gehen, er war wacher, konzentrierter und zeitweise richtig gut drauf. Sogar seine Blutwerte deuteten kurzfristig nicht mehr darauf, dass wir es hier noch länger mit einem sterbenden Menschen zu tun hatten. Auf einmal stand nicht nur seine Verlegung ins Hospiz auf der Kippe, sondern sogar sein ganzer Tod in Frage. Auf einmal ging es darum, dass die Ärzte noch einmal mit ihm darüber sprechen wollten, ob er sich nicht doch für eine Lebertransplantation öffnen würde. Bisher hatte Bastian das immer abgelehnt.

Die Erfolgsaussichten waren zu gering, als dass er sich – und vor allem seinem Sohn – noch einmal der höhen Fallhöhe der Hoffnung aussetzen wollte. Zu oft hatte er sich selbst und andere in der Vergangenheit enttäuscht. Er glaubte nicht, eine Leber verdient zu haben, und auch nicht daran, dass er es noch einmal über Monate im Krankenhaus aushalten würde. Eine Transplantation bedeutete nämlich nicht automatisch auch eine Heilung. Es wäre nur ein Versuch, ein Strohhalm, an dem man sich klammern konnte.
Ich war in meiner Rolle als Geschichtenpflegerin nicht in der Position, mit Bastian ein psychologisch fundiertes Gespräch über eine Lebertransplantation zu führen, das gehörte in die Hände der Ärzte. Aber ich gebe zu, die Versuchung, es trotzdem zu tun, die war groß in diesen Tagen. Zwischen Bastian und mir begann sich eine richtige Freundschaft zu entspannen, wir genossen die Anwesenheit des jeweils anderen und waren in vielen Dingen einer Meinung. Unsere Gespräche hatten eine Qualität, die ich selten erlebte, und ich spürte das Bedürfnis, diese Qualität in meinem Leben halten zu wollen. Und es war offensichtlich, dass unser Austausch einen großen Beitrag zur Besserung seines Allgemeinzustandes geleistet hatte, das glaubte ich nicht nur, das sagte er selbst auch. Er hatte endlich offen und schonungslos mit jemandem über seine Trauer reden können, und vielleicht war es ja doch noch nicht zu spät, diese unterdrückte Trauer, die über die Jahre toxisch geworden war, zu überleben. Jedenfalls, es war äußerst verlockend, mir vorzustellen, dass er sich durch mein „gutes Zureden“ doch noch auf eine Transplantationsliste setzen lassen würde, und natürlich, sollte es ein passendes Organ für ihn geben, würde ich ihn selbstverständlich auch weiterhin tatkräftig unterstützen.
Zum Glück bemerkte ich rechtzeitig, dass ich mich gedanklich auf hauchdünnem Eis bewegte.

Ich erinnerte mich daran, wie ich vor rund zwei Jahren alles auf die Karte Hoffnung gesetzt hatte, als ich meinen schwerkranken Vater begleitete. Darüber habe ich damals auch auf diesem Blog geschrieben, und mir ist, als schließe sich heute ein Kreis. Damals hatte ich auch geglaubt, dass ich allein es schaffen könnte, dass ich das Zünglein an der Waage sein würde, dass sie auf der „Leben“-, und nicht auf der „Tod“-Seite ausschlagen lässt. Dass mit genug Durchhaltevermögen, Kampfgeist und mit einem unerschütterlichen Glauben an Wunder schon alles gut ausgehen wird. Zwar war ich auch damals nicht vor einer gewissen Unwissenheit gefeit, ob das alles so richtig war, aber ich versuchte mich, wie ich im April 2019 schrieb, an Rilke zu halten, beziehungsweise an eines meiner Lieblingszitate von ihm: Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.

Dieser ferne Tag war jetzt gekommen. Diesmal würde ich nicht hoffen. Diesmal würde ich lieben.

Tatsächlich war Bastian selbst nicht sonderlich begeistert über den neuen Status quo.
„Weil es dir paradoxerweise besser geht, weil du sterbend bist, und du diesen Kampf nicht mehr führen musst, der dich all die Jahre so viel Kraft gekostet hat“, überlegte ich laut, als ich bei ihm saß. Er nickte. „Und wenn du nicht mehr sterbend bist, und wieder kämpfen solltest, dann müsstest du diesen Frieden wieder aufgeben.“
„Genauso ist es. Du hast es auf den Punkt gebracht.“
Ich ließ es so stehen, wenn auch schweren Herzens.
Am nächsten Tag erzählte er mir, dass er mit dem Arzt überein gekommen war, es mit dem Hospiz zu versuchen. In anderen Worten: Darauf zu bauen, dass es mit dem Sterben doch noch klappt. Auch das nahm ich hin. Denn wenn du einen Menschen wirklich liebst, egal ob es dein Vater ist oder ein Patient, dann liebst du ihn (auch) dafür, dass er geht, und nicht (nur) dafür, dass er bleibt.

*

Bastian starb nur wenige Tage nach seiner Verlegung ins Hospiz. Er ging in Frieden und ohne Schmerzen.
Einige Wochen später und kurz nach meinem Gespräch mit Jutta Böttcher, habe ich erneut einen Patienten, der nur wenige Jahre älter ist als ich. Erik ist sehr spirituell und seine Gedankenwelt vor allem im Buddhismus verankert. Er leidet unter einem Tumor, der ihm Schmerzen beim Sprechen verursacht. Es wäre ihm daher lieber, wenn ich ihm etwas von mir erzähle, das fände er schön. Eine ungewohnte Situation für mich – eigentlich bin ich die Zuhörerin und Fragenstellerin, nicht die Erzählerin. Doch ich fasse mir ein Herz. Meine Patienten berichten mir so oft von den persönlichsten und intimsten Momenten in ihrem Leben, daher ist es nur fair, dass mir jemand mal den Ball zurück spielt. Was also ist, jetzt gerade und auch ohne tödliche Diagnose, die Geschichte meines Lebens?
Ich entscheide mich, Erik vom Tod meines Vaters zu erzählen, und wie damals die Hoffnung beinahe die Liebe unter sich begraben hätte. Wie nach zwei Jahren Palliativarbeit und schlussendlich durch meine Begegnung mit Bastian die Erkenntnis gereift ist, dass Hoffnung und Liebe nicht zwangsläufig zusammen gehören, und dass ich inzwischen gelernt habe, wie Liebe ohne Hoffnung geht. Erik stimmt mir zu. „Das ist ein interessanter Gedanke, das mit der Hoffnung. Er erinnert mich an den Begriff der Anhaftung im Buddhismus. Es geht immer ums Loslassen.“
Zuhause spinne ich diesen Gedanken weiter. Vielleicht ist das der Schlüssel zu der „professionellen Nähe“, von der eine Dozentin in der Würdezentrierten Therapie mal gesprochen hatte. „Offenes Herz, aber starker Rücken“.

Den anderen reinzulassen, in sein Herz, aber ihn auch wieder rauszulassen, wenn die Zeit gekommen ist. Sich als Mensch zu zeigen, ohne darüber seine Rolle zu vergessen. Denn letztendlich ist es doch die Angst vor genau dieser Anhaftung, die uns immer wieder in jene in die Jahre gekommene professionelle Distanz zurückfallen lassen will. Daraus wiederum entsteht der Zustand der Ablehnung, im Buddhismus nach der Anhaftung das zweite „Geistesgift“ oder „Tor in die Unfreiheit“, indem wir gar nichts an uns heran, geschweige denn in uns hereinlassen wollen. Und schließlich, wenn man sich dem tieferen Verständnis der Zusammenhänge zwischen Anhaftung und Ablehnung immer wieder verweigert, tritt der Zustand der Verblendung oder Ignoranz ein, das dritte „Geistesgift“, in dem Patienten nur noch Nummern für uns sind und einzig allein auf ihre Erkrankung reduziert werden.
Bei meinem nächsten Besuch berichte ich Erik von meinen Erkenntnissen, ich bin gespannt, was er sagt.  „Und wenn man das verinnerlicht hat“, resümiere ich, dann braucht man doch auch gar keine Angst mehr davor zu haben, seine Patienten zu lieben. Kann man das so sagen?“
„Ja“, sagt er, „auf jeden Fall kann man das so sagen. Danke, dass Sie extra nochmal gekommen sind, um das mit mir zu teilen.“ Mir fällt das Gespräch mit Jutta wieder ein – ob das so geht, ob man das so sagen kann, dass man seine Patienten oder seine Klienten lieben darf. „Gerne“ antworte ich „das musste sein“.

*

Wie immer ist es in der „Realität“ nicht ganz so einfach wie in „einer Geschichte“, auch wenn sie wahr ist. Es gibt Tage, an denen ich merke, dass ich die Tür zu meinem Herzen etwas anlehnen muss, weil es an dem Tag schon so voll ist, da drin. An anderen Tagen reißt mein Herz ein bisschen, weil ich noch nicht vollends vor Anhaftung gefeit bin, und dann gesellt sich ein neuer Riss zu all den anderen. Ich habe in meinem letzten Blogartikel darüber gesprochen, dass es in der Hochsensibilität auch darum gehen kann, die Herzen anderer auf fähige Weise zu brechen. Aus dieser Gleichung nehme ich mich selbst nicht raus – manchmal trifft es eben mich. Die Risse in meinem Herzen vergleiche ich gern mit „Kintsugi“, einer traditionellen japanischen Reparaturmethode für Keramik. Dabei werden die Risse mit goldener Farbe gekittet. Ich habe die Erfahrung machen dürfen: Früher oder später werden auch die Risse in meinem Herzen vergoldet. Und ich lasse mir nicht die Möglichkeit nehmen, dass dies durch den Austausch mit einem Patienten geschehen kann, so wie mir das mit Bastian passiert ist. Ich lege es nicht drauf an, denn das wäre in der Tat äußerst unprofessionell. Heilung darf jedoch gegenseitig sein, und auch ein Arzt, Therapeut, Coach oder Berater darf durch die Menschen, mit denen er oder sie arbeitet, Heilung erfahren. Und das wiederum hat nichts mit Unprofessionalität zu tun. Sondern mit Liebe. Vielleicht ist das ja die Professionalität der Zukunft: eine im wahrsten Sinne des Wortes Liebe-volle.

Autorin: Sabrina Görlitz

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