Ein hochsensibler Blickwinkel Teil 4: Die Uhr meines Vaters – Part II

Ein hochsensibler Blickwinkel

Teil 4, Part II

Die Uhr meines Vaters: Über eine zerbrechliche Zeit zwischen richtig und falsch 

Mein Vater wachte wieder auf. Doch bei aller Liebe – so eine Seele, die schon auf dem Absprung war und dann der Anziehungskraft eines reanimierten Körpers ausgeliefert wurde, die zahlt einen hohen Preis. Tagelang pendelte mein Vater zwischen kurzen lichten Momenten und ausgeprägten delirischen Phasen, in denen er ziemlich angsteinflößende Dinge zu sehen schien. Während er halluzinierte, spannte er immer wieder den ganzen Körper an und fuhr seinen Blutdruck in schwindelerregende Höhen. Die Schwestern mussten ihn fixieren, damit er sich nicht die Schläuche abriss. Wenn ich seine Hand hielt, war das wie Armdrücken in Dauerschleife. Ich sprach mit ruhiger Stimme und versuchte, ihn so gelassen und sicher wie möglich durch seine Schattenwelt zu navigieren, und dabei meine Selbstanbindung nicht zu verlieren. Hier zu bleiben. Meine Erinnerung an das, was ich in der Körperorientierten Trauma-Arbeit gelernt hatte, war mir dabei eine Riesenhilfe. Denn was wir gerade erlebten, war das volle Dilemma der Intensivstation – einerseits wurden hier Leben gerettet, andererseits raubten grelles Licht, piepende Monitore und vermummte Gesichter den Patienten (und den Angehörigen) den eh schon angeschlagenen Verstand. Die Ärzte werteten Papas Unruhe jedoch als gutes Zeichen. „Zu groß dürfte der Schaden“ nicht sein, mutmaßte einer, dafür könnte sich mein Vater zu gut bewegen. „Wird alles wieder gut“, versicherte ich ihm ahnungslos, versprach es ihm sogar, wenn er mich zwischendurch mit seinen ozeanblauen Augen anschaute. In diesen kurzen Momenten der Ruhe, bevor in seinem Kopf das nächste Feuerwerk zündete.

3. Wann ein Leben lebenswert ist, hat der Gesunde nicht zu entscheiden

„Wunder finden nicht im MRT statt“, diesen Satz mag ich immer noch. Ich glaube, es waren sogar meine ersten Worte, die ich an die Ärzte richtete, nachdem sie mich ernsthaft gefragt hatten, ob sie meinen Vater wieder beatmen sollten. In der Patientenverfügung meines Vaters steht, dass er nicht künstlich beatmet werden möchte, wenn dadurch lediglich der Todeszeitpunkt verzögert würde. In diesem Fall gab es aber Hoffnung auf eine positive Wendung – nur eben keine Garantie. Und woher sollen ich oder irgendwer denn überhaupt wissen, dass das Leben mit einer Hirnschädigung nicht lebenswert ist? Nur, weil wir es aus der Perspektive des (vermeintlich) Gesunden betrachten? Woher sollte mein Vater gewusst haben, was lebenswert ist, wenn er es doch noch gar nicht erlebt hatte? Die Probanden aus Adrian Owens Studie hatten selbst einem Leben, in dem sich ihre Seele keinen Ausdruck verleihen konnte, einen Lebenswert abgewonnen.
Ich erzählte den Ärzten von meinen Wahrnehmungen der letzten Tage, von den Momenten, in denen mein Vater präsent gewesen war und mich sogar angelächelt hatte. Meine Entscheidung stand längst fest, als mein Bruder kurz darauf ins Zimmer tritt, und nach einem kurzen Briefing nickte er sie ab. Wir schicken die Ärzte zurück zu meinem Vater, um ihm das Leben ein zweites Mal zu retten. 
Als meine Mutter schließlich zu uns stieß, wurde mir wieder einmal klar, welch merkwürdige Wege das Leben manchmal geht. Unter Tränen sagte sie uns immer wieder, dass sie Papa doch versprochen hatte, ihn niemals an Maschinen anzuschließen. Dass er auf keinen Fall ein Pflegefall werden wollte. Gut, dass meine Mutter kein Handy hat, dachte ich. Gut, dass sie vorhin über Festnetz nicht zu erreichen war. Gut, dass sie nicht dabei war, als die Ärzte mit uns sprachen. Oder etwa nicht? 
Und was passierte hier eigentlich gerade mit meinem „Want“ für 2019, meinem Plan, mich dem Sterbenzu widmen? Es schien mindestens zu bröckeln, und bevor es gänzlich zerfiel, machte ich gezwungenermaßen und im übertragenen Sinne Halt auf der nächsten Station der Heldenreise, der sogenannten „Weigerung“. Ein Ort, an dem sich das ganze Spektrum der hochsensiblen Symptomatik offenbart. Vorausgesetzt, man ist gewillt, etwas genauer hinzuschauen. 

4. Über Verantwortung reden und Verantwortung übernehmen sind zwei Paar Schuhe

Tags darauf kam der Husten. Eine wahre Furie von Husten. Niemand in meinem Umfeld war erkältet, und für eine Allergie war es Ende Februar auch noch zu früh. Ich probierte sämtliche Schleimlöser und Hustenstiller. Schließlich ließ ich mir Kodein verschreiben, aber selbst eine willentliche Überdosierung verschaffte keine Linderung. Ich keuchte wie ein sterbender Hund, vor allem nachts. Ich kannte diese Art von Husten. Er hatte mich schon mal heimgesucht, als ich nach zehn Jahren unverbindlicher Affären eine feste Beziehung begann, und zeitgleich als Personalmanagerin völlig unverhofft die Mitverantwortung an einem Change Prozess übertragen bekam. Schon damals half am Ende nur der Einsatz eines Asthma-Sprays. Ich verordnete mir ein paar Tage Intensivstation-Verbot, und ein Teil von mir war erleichtert, dass ich eine gute Ausrede hatte. Ich hatte nämlich nicht nur Husten, sondern auch eine Scheiß-Angst. Vor weiteren bösen Überraschungen, aber auch vor der Tragweite meiner Entscheidung, Papa nicht gehen zu lassen. Und ich war auch wütend, wütend dass mir das Universum meinen „Spread Your Love“-Feldzug wohl doch nur halbherzig dankte – sonst wäre es ja wohl kaum zu diesem Zwischenfall gestern gekommen?!
Dann fiel mir ein, dass ich mir letztes Jahr aus einem dieser Tauschbücherzellen Rüdiger Dahlkes „Krankheit als Weg“ gezogen hatte. Ich schlug es auf, und seine Gedanken zum „Asthma Bronchiale“ sind bemerkenswert. Es könnte um ein Ungleichgewicht zwischen Nehmen (Einatmen) und Geben (Ausatmen) gehen, um versteckte Aggressionen und vor allem darum, mich buchstäblich „eng“ zu machen, um ein angstmachendes Thema nicht hereinzulassen. Bingo. Ich will das alles ja auch nicht. Als Tochter eines 1A-Vaters habe ich vor allem genommen. Und jetzt soll ich auf einmal geben? Wie kann sich das Leben anmaßen, mich regelrecht zu zwingen, Verantwortung zu übernehmen? Ich hasse Verantwortung. In der Theorie kein Problem, da weiß ich, was „richtig“ ist, ethisch korrekt und moralisch vertretbar. Aber in „echt“? Lasst mich bloß in Ruhe damit! Ich wage zu behaupten, dass es vielen Hochsensiblen so geht, und es ist wirklich verdammt schwer, sich diesen Umstand einzugestehen. 
„Nicht vergessen“, schreibt Dahlke, „wann immer die Enge spürbar wird – es ist Angst! Das einzige Mittel gegen Angst ist Ausdehnung. Ausdehnung geschieht durch Hereinlassen des Gemiedenen“. 
Als ich das las, kam mir auf einmal das Konstrukt der Heldenreise in den Sinn, und mir wurde klar, dass mich das Leben sehr wahrscheinlich gerade auf genau eine solche geschickt hatte. Und dieser ätzende Husten war vor allem Ausdruck dafür, dass ich riesige Angst hatte, die Konsequenzen der Entscheidung zu tragen, die ich getroffen hatte, als Papas behandelnde Ärzte mit mir „Hopp oder Topp“ gespielt hatten. Die Wahrheit war aber auch, dass der Weg, der vor mir lag, ziemlich alternativlos war. Ich sah auf weiter Flur niemandem, dem ich die Konsequenzen für meine Pro-Life-Entscheidung in die Schuhe schieben konnte. Nicht meiner Mutter, nicht meinem Bruder, und auch keinem Arzt der Welt. Ich würde meinem Vater die Laterne halten. Auf einem Pfad, den ich nicht kannte. Holy Shit.
Mit dieser Erkenntnis verflüchtigte sich der Husten wieder. Die Angst nicht. Ich wusste, sollte ich mich tatsächlich auf einer Heldenreise befinden, also zumindest im metaphorischen Sinne, dann stand mir erst jetzt der eigentliche Aufbruch bevor, beziehungsweise der Abstieg – und zwar in die sogenannte „dunkle Nacht der Seele“.

5. Fragen haben mitunter mehr Kraft als Antworten

Als erstes hörte ich auf, die Uhr meines Vaters zu tragen. Ich konnte seine Zeit nicht an meine binden. Es war ein kindlicher Versuch gewesen, die Kontrolle zu behalten, das sah ich jetzt ein. Und gleichzeitig war es so schwer, die Ohnmacht auszuhalten, die all die unbeantworteten Fragen der letzten Tage mit sich brachten. Und ich hatte so viele:
Wie geht eigentlich Wiederbelebung auf der Seelenebene? 
Ist Wiederbelebung ein Eingriff in das Schicksal, oder geht das Schicksal mit der Zeit, also ist die moderne Medizin Teil unseres Schicksals? 
Will die Seele so eine Erfahrung machen, oder zwingen wir sie?
Habe ich Schuld, wenn mein Vater ein Pflegefall bleibt, weil ich es drauf ankommen ließ?
Wer ist mein Vater jetzt, und wo ist der, der er jetzt nicht mehr ist? Kommt er wieder zurück? 
Oder sind wir am Ende doch nur unser Gehirn? Ist es vielleicht an der Zeit, dass ich zu einem neurowissenschaftlichen Menschenbild konvertiere? 

Jetzt, fast zwei Monate später, bin ich nicht wirklich schlauer. In der „dunklen Nacht der Seele“ geht es (noch) nicht um Antworten, sondern um das Leben solcher Fragen, um noch einmal Rilke zu bemühen: „Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“ 
Wie die meisten Menschen habe ich vergessen, dass die Dunkelheit uns mit allem versorgt, was uns wachsen lässt. So wie der Samen in der Stille des Winters unter der Erde heranreift, oder das menschliche Leben in der Dunkelheit der Gebärmutter. Geschützt und versorgt, bis es zu eng wird und das Baby bereit ist, unter Druck und Schmerz die allererste Veränderung zu erleben, nämlich das Licht der Welt zu erblicken. Und trotz all dieser stimmigen Metaphern fällt es mir nicht leicht, mich der Dunkelheit hinzugeben und ihr bedingungslos zu vertrauen. Doch in den kurzen Momenten, in denen es mir gelingt, und zwar ohne groß darüber nachzudenken, in diesen Momenten schenkt mir das Leben diese kleinen Augenblicke. Lichtblicke, die für die Ewigkeit bleiben. Und manchmal sind sie Antwort genug.

Das sind zum Beispiel die lichten Momente meines Vaters, die ich mit ihm teilen darf, und in denen wir sowas von im Jetzt sind. Das sind die berührenden Begegnungen mit dem tollen Therapie-und Pflegepersonal auf der Station für neurologische Frührehabilitation hier in Hamburg, in die mein Vater vor einigen Wochen verlegt wurde. Das sind die Gespräche mit meinen Freundinnen, das Feedback meines Fernlehrers in meinem Studium in der Palliativbegleitung und der aufbauende Austausch in meiner Lerngruppe hier vor Ort. Ich bin stolz auf mich, dass ich meine Weiterbildung nicht unterbrochen habe. 
Und da sind sogar die Ärzte der Neurologie, die es nicht nur „erstaunlich“ finden, wie mein Vater sich bislang entwickelt, sondern sogar mich kleines Licht fragten, ob ich aus dem „therapeutischen Bereich“ käme. Zwar hatte ich keine schlauen Antworten gegeben, aber vermutlich kluge Fragen gestellt. So wollte ich zum Beispiel vom Chefarzt wissen, inwieweit sich das Trauma, das mein Vater durch Reanimation, Narkosemittel und Delir zweifelsohne auf der Ebene des Nervensystems (ich wollte eigentlich Seelenebene sagen, aber das kommt bei Neurologen eventuell nicht so gut) erfahren hat, überhaupt von seiner Hirnschädigung abgrenzen lässt. „Gar nicht“, antwortete er. Das Problem wäre, dass mein Vater kognitiv noch nicht in der Lage sei, eine neuropsychologische Therapie zu beginnen. Sie würden ihm daher ein angstlösendes Medikament geben. Er schien zu ahnen, dass ich da etwas anders ticke, und schob hinterher: „Mit meiner neurobiologischen Ausbildung wüsste ich nicht, wie das anders gehen sollte.“ „Über den Körper?“, hakte ich trotzdem nach. Er schüttelte bloß den Kopf. 
„Sie machen alles richtig“, ermutigte mich der etwas empfindsamere Oberarzt dann an anderer Stelle. Ich hatte ihm gesagt, dass ich manchmal unsicher bin, weil ich im Umgang mit meinem Vater hauptsächlich aus meiner Intuition heraus agierte. „Ich habe auch noch eine Ausbildung in der körperorientierten Trauma-Arbeit“, fügte ich ohne nachzudenken hinzu, und auf einmal war es mir unangenehm, ihn wieder anzuschauen. Als ob ein Neurologe das ernstnahm! „Das ist doch toll“, erwiderte er zu meiner Verwunderung, „Sie machen das wirklich gut.“ Ich fürchte, er meinte es genauso.

Körperorientierte Trauma-Arbeit: Echte Treffpunkte zwischen zwei Menschen

Ich hatte die Weiterbildung in der Körperorientierten Trauma-Arbeit bei Andrea Wandel zwischen 2015 und 2016 absolviert, und dass, obwohl ich keine Therapeutin war oder ernsthaft vorhatte, zukünftig therapeutisch zu arbeiten. Als Autorin reizte mich damals die Möglichkeit, über die nonverbale Sprache des Körpers noch tiefer in die menschliche Erfahrungswelt einzutauchen, um sie dann wieder ganz bewusst in Sprache zu übersetzen. Und auf diese Weise buchstäblich Bewusstsein zu schaffen. Am Ende bereicherte mich diese Weiterbildung jedoch vor allem als Mensch. Andreas fundiertes Wissen, vor allem aber ihre holistische Sichtweise auf das weite Feld der Traumata und all ihren innewohnenden Paradoxien ist wirklich wunder-voll.
Ich habe mich daher total gefreut, als ich im Jahr drauf ihr Kapitel „Trauma & Hochsensibilität“ im Fach.Buch Hochsensibilität  redaktionell begleiten durfte. All das, was Andrea dort über „echte Treffpunkte“ zwischen Begleiter und Klient schreibt, über Sicherheit und Vertrauen in der Beziehung und das Professionalität und Verletzlichkeit sich nicht ausschließen, all das kann ich nur jedem ans Herz legen, der in irgendeiner Form begleitend tätig ist. Ebenso wie die Weiterbildung, die im September 2019 erneut im Aurum Cordis startet. Vieles dessen, was ich damals gelernt habe, hilft mir (und meinen Papa) bis heute,  uns in der dunklen Nacht der Seele zur orientieren. Und wenn meine Augen sich nicht täuschen, sie gewöhnen sich nämlich langsam an die Dunkelheit, aber wenn mich mein Blinzeln nicht auf die falsche Fährte führt, dann geht irgendwo da ganz hinten, und auch nur ganz allmählich, tatsächlich die Sonne auf.

Epilog

Irgendwann im April

„Hat Ihr Vater eine Uhr getragen?“ fragt mich die Ergotherapeutin, als ich bei einer Session dabei sein darf. „Ja, links“, entgegne ich, „den Ehering auch, man sieht sogar noch ein bisschen den weißen Abdruck.“ Mein Vater gehört zu den Menschen, die das ganze Jahr sommerbraun sind, selbst jetzt. „Dann bringen Sie ihm die doch mal wieder mit.“

Als ich meinem Vater am nächsten Tag seine Uhr umbinde, fühlt es sich an, als würde ich ihm seine Zeit zurückgeben. Ich habe einige Wochen auf sie aufgepasst, und es hat wirklich Kraft gekostet. Papas Zeit war so mächtig und zerbrechlich gleichzeitig. Ich konnte sie nicht aufhalten, schon gar nicht überholen, sie machte ihr eigenes Ding. Aber gehalten habe ich sie, vielleicht kann ich das so sagen. Und ausgehalten, so gut ich eben konnte. 
Ich habe immer noch keine Ahnung, ob das alles so „richtig“ war. Vielleicht werde ich nie eine Antwort darauf bekommen. Aber ich habe Verantwortung übernommen, und irgendwo zwischen richtig und falsch habe ich vermutlich sogar einen ganz guten Job gemacht. Oder wie Rumi sagen würde: „Jenseits von richtig und falsch gibt es einen Ort. Da treffen wir uns.“ 

Ich habe auch viel über mein „Want“ nachgedacht in den letzten Tagen, von wegen „sich dem Sterben widmen“ und so. Vielleicht ist mein „Need“ ja, mich dem Leben zu widmen. Was auch immer das genau bedeutet. Dieser Text muss fürs erste ohne eine Antwort auskommen. Aber „in echt“ ist die Geschichte ja auch noch nicht zu Ende. 

Autorin: Sabrina Görlitz

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