Ein hochsensibler Blickwinkel Teil 4: Die Uhr meines Vaters – Part I

Ein hochsensibler Blickwinkel

Folge 4, Part I

Die Uhr meines Vaters: Über eine zerbrechliche Zeit zwischen richtig und falsch 

Prolog

Montag, 18. Februar 2019

Als wir meine Mutter am Abend nach Hause bringen, ist alles wieder an seinem Platz. Die Nachbarin hat den Boden gewischt und den rasch beiseitegeschobenen Tisch und die zwei Stühle wieder vor das Küchenfenster gestellt. Doch dann fällt mein Blick auf die Uhr meines Vaters – sie liegt auf der Arbeitsplatte neben dem Kühlschrank. Dort gehört sie nicht hin. 

Bevor er in Rente ging, pflegte mein Vater jeden Abend vor dem Schlafengehen das Ritual, seine schmale lederne Aktentasche, einen quietschgrünen Granny Smith Apfel und seine Armbanduhr auf der Wohnzimmeranrichte aus Mahagoniholz zu platzieren. Das war seine Art, sich auf den nächsten Arbeitstag einzustimmen. Mein Vater hat seine Uhr und seinen Ehering immer links getragen, wie die amerikanischen Familienväter, die im Kino zu Helden werden, und seit jeher symbolisieren derart dekorierte Männerhandgelenke für mich Stärke und Schutz. Ich frage meine Mutter, ob ich die Uhr mitnehmen darf. Schnell schiebe ich ein „er kriegt sie ja wieder“ hinterher, bevor sie es noch falsch versteht. 

Heute Morgen ist mein Vater gestorben. Er hatte sich gerade in die Küche gesetzt, um die Zeitung zu lesen, da hörte ihn meine Mutter aus dem Nebenzimmer geräuschvoll nach Luft schnappen. Im nächsten Moment schlug er hin und lief blau an. Er war sechs oder sieben Minuten tot, dann kam der Krankenwagen, und der Notarzt brachte sein Herz mit sieben Elektroschocks wieder zum Schlagen. 

Wiederbelebung und Wiederauferstehung sind nicht dasselbe 

Als ich damals vom Einsatz des Defibrillators hörte, sank mir das Herz ein zweites Mal in die Hose. Eine Freundin hatte eine Weile als Ergotherapeutin auf einer Station für neurologische Frührehabilitation gearbeitet, und ich rief mir ein Gespräch in Erinnerung, dass wir vor ein oder zwei Jahren einmal geführt hatten. Sie hatte mir von den elementaren Fragen erzählt, die sie sich in ihrem Job immer wieder stellte, den Fragen nach den Grenzen der modernen Medizin oder den fehlenden Skrupeln, diese immer wieder einzureißen. In den Medien hört und liest man zwar immer wieder von Menschen, die entgegen aller Widrigkeiten reanimiert und „zurück ins Leben“ geholt worden sind – wie dieses zweite Leben jedoch aussieht, wird der Öffentlichkeit gern verschwiegen. 
Wenn bei einem Herzstillstand der Blutkreislauf zum Erliegen kommt, werden die Organe nicht mehr mit Sauerstoff versorgt, und dabei reagieren die Gehirnzellen besonders empfindlich. Sie beginnen bereits innerhalb weniger Minuten abzusterben – ein unwiderruflicher Prozess. Zwar ist es je nach Schweregrad der Schädigung unter Umständen möglich, dass andere, nicht betroffene Zellen die alten Aufgaben übernehmen und unterbrochene Verbindungen neu „verdrahtet“ werden, aber bis dahin ist es in der Regel ein langer und beschwerlicher Weg mit unbestimmtem Ziel. In den allermeisten Fällen ist lebenslang mit erheblichen kognitiven und motorischen Beeinträchtigungen zu rechnen, die sämtliche Lebensbereiche betreffen. Viele schaffen es nicht einmal mehr nach Hause und verbringen den Rest ihres Lebens im Pflegeheim. Aus einer Wiederbelebung resultiert also in den seltensten Fällen auch eine Wiederauferstehung. 
Manchmal ist der Tod besser als das Leben steht in großen fetten Buchstaben auf dem Buchrücken des Krimis, in dem mein Vater am Vorabend seines Herzstillstands noch gelesen hatte. Ich hatte es abfotografiert, warum auch immer.

Es muss nicht immer fahrlässig sein, den Tod anzunehmen

Im Dezember letzten Jahres hatte ich anlässlich des zehnjährigen Jubiläums von Aurum Cordis einen Vortrag darüber gehalten, wie wichtig es ist, dass wir nicht nur beschreiben, was Hochsensibilität ist, sondern vor allem darüber sprechen, wie sie sich anfühlt. Wie hochsensible Menschen über das Leben denken. Es war mein Plädoyer dafür, dass hochsensible Menschen ihre Sicht über das Leben (und den Tod) teilen, um auf diese Weise Veränderungen in der Gesellschaft zu initiieren. 
Ich bekam viel Zuspruch für meine Rede, aber ich muss gestehen, heute zucke ich innerlich etwas beschämt zusammen, wenn ich an meine vermeintlich weisen Worte denke. Damals hatte ich meine These, dass Hochsensibilität für mich persönlich vor allem eine Geisteshaltung ist, am Beispiel der Organspende veranschaulicht. Ich legte dar, warum eine Organspende aus spirituellen und ethischen Gründen für mich keine Option ist. Einer meiner schönsten Sätze war dieser hier: Es muss nicht immer fahrlässig sein, den Tod anzunehmen. Klingt toll, oder? Immerhin schob ich ein, dass ich nicht weiß, ob ich an meinen Glaubenssätzen auch festhalten würde, wenn das Leben meines Sohnes von einer Organspende abhänge. Ich hatte ja keine Ahnung, dass nur zwei Monate später der Minutentod meines Vaters all meine spirituellen Theorien ganz schön auf den Kopf stellen sollte. 

Warum wir unsere Hochsensibilität schamlos ausleben sollten

Darum wird das hier kein Text mit druckreifen Antworten, wie meine ach-so-reflektierte Hochsensibilität sie mir in der Vergangenheit zuverlässig aufs Word-Dokument warf. Ich vermute, es werden am Ende sogar mehr Fragen als Antworten übrigbleiben. Ich hoffe jedoch, dass es ein Text darüber wird, was hochsensibles (Er)Leben an den alleräußersten Grenzen zwischen Leben und Tod bedeuten kann, und warum wir alle und jeder für sich persönlich seine ganz eigene Hochsensibilität viel öfter schamlos ausleben sollten. Und zwar ohne ständig darüber nachzudenken, was „richtig“ und was „falsch“ ist. Oder, um es mit Rilkes Worten zu sagen: „Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“ 
Hier sind, Stand heute, meine fünf Halbantworten und Halbwahrheiten zu ein paar Fragen, die sich mir in den vergangenen 8 Wochen an der Schwelle des Lebens gestellt haben:

  1. Was (hochsensible) Menschen wollen, ist nicht immer das, was sie brauchen

Planen heißt irren. Und dabei hatte ich Anfang dieses Jahres endlich das Gefühl, dass alles auf einmal Sinn ergibt. Meine Lebens- und Berufserfahrungen flossen gerade in einer Weiterbildung in der Palliativbegleitung zusammen, und ich hatte beschlossen, mich 2019 ganz dem Sterben zu widmen. Ich wollte über den Tod schreiben und ein Praktikum im Hospiz machen. Dass mein Vater dann so einen Stunt hinlegt, passte zwar thematisch ins Bild, mir selbst aber überhaupt nicht – viel zu dicht dran, viel zu plötzlich, viel zu real
„Jetzt kannst du dich ja noch mal hinterfragen, ob du das wirklich machen willst mit der Palliativbegleitung“, meinte eine Freundin recht pragmatisch, aber sie hatte mit 13 ihre Mutter verloren, von daher durfte sie das sagen.
Wenn ein (guter) Autor einen Roman oder ein Drehbuch schreibt, schickt er seinen Protagonisten mit einem sogenannten „Want“ auf die Reise – seinem augenscheinlichen Ziel. Wäre ich ein fiktionaler Charakter, dann wäre mein Want „Sabrina will sich dem Sterben widmen.“ Im Laufe einer (guten) Geschichte wird dieses „Want“ jedoch von einem „Need“ abgelöst. Denn das was die Heldin augenscheinlich will, ist nicht das, was sie wirklich braucht, um in ihrer Entwicklung einen Schritt nach vorne zu machen. Man könnte auch sagen, ihre ungestillte Sehnsucht wird sichtbar, und für den Leser oder Zuschauer meist früher als für die Heldin selbst. 
Um diese Entwicklung zu verdeutlichen, gibt es in dem archaischen Erzählmuster der Heldenreise, das heutzutage auch häufig in Coachings zur Persönlichkeitsentwicklung eingesetzt wird, verschiedene typische Stationen, die der Protagonist passieren muss. Dazu gehört am Anfang der Reise der sogenannte „Ruf der Seele“, das plötzliche Erscheinen einer Aufgabe. Ich hörte den Ruf, nachdem mein Vater schon eine Woche auf der Intensivstation lag. Und ganz ehrlich, ich hätte mir am liebsten schalldichte Kopfhörer aufgesetzt.

Der Tag hatte schon merkwürdig angefangen. Als ich mir morgens Papas Uhr umbinden wollte, riss eine der beiden Armbandschlaufen. Der dicke Kloß in meinem Hals begleitete mich den ganzen Weg zum Krankenhaus. Ich war nur noch ein paar Minuten von der Intensivstation entfernt, als mein Bruder mich anrief. Die Ärzte wollten uns sprechen, und meine Mutter war nicht zu erreichen. Wann denn jemand käme. Ich wusste instinktiv, dass das nichts Gutes bedeuten konnte, und die Betroffenheitsminen der beiden Ärzte, die kurz darauf zur mir ins Wartezimmer kamen, bestätigten mein Bauchgefühl. Mein Vater hatte Probleme, selbstständig zu atmen, in seiner Lunge sammelte sich zunehmend Flüssigkeit, und die Sauerstoffsättigung näherte sich einer gefährlichen Untergrenze. Wenn er nicht zeitnah künstlich beatmet wird, würde er die nächsten Stunden nicht überleben. Ich sah das Problem nicht. Warum wurde er nicht umgehend intubiert?
Nun, tags zuvor war ein MRT-Bild seines Gehirns angefertigt wurden. Darauf waren diffuse Schäden zu erkennen, nur zum jetzigen Zeitpunkt würde sich kein Neurologe trauen, diesbezüglich eine Prognose abzugeben. Es läge daher an uns, eine Entscheidung zu fällen. Es könnte sein, dass mein Vater wieder zurück in ein halbwegs normales Leben findet. Es könnte sein, dass er ein schwerer Pflegefall bleibt. Sie könnten verstehen, wenn ich auf meine Mutter warten wollte, aber viel Zeit bliebe nicht. Übersetzt: Ich wurde gerade gefragt, ob ich meinen Vater lieber ersticken lassen möchte und ihm dafür ein direktes Ticket ins Jenseits zukommen lasse, oder ihm die „Chance“ auf eine anstrengende neurologische Frührehabilitation ohne Erfolgsgarantie gewähre. Dafür müssten sie ihn jedoch ein zweites Mal in ein künstliches Koma versetzen, ihn wieder intubieren und sehr wahrscheinlich einen Luftröhrenschnitt vornehmen. In meinem Kopf hallten die Echos: Es ist nicht immer fahrlässig, den Tod anzunehmen. Es ist nicht immer fahrlässig, den Tod anzunehmen, es ist nicht immer . . . manchmal ist das Leben besser als der Tod, es ist nicht . . . Scheiße!!!

Ich konnte es nicht. Zum wiederholten Male kam mir ein Buch in den Sinn, welches ich schicksalhafter Weise nur ein paar Monate vor Papas Herzstillstand gelesen hatte, „Zwischenwelt“ von dem britischen Neurowissenschaftler Adrian Olsen. Dieser hatte eine ausgeklügelte Methode und einen entsprechenden Gehirnscanner entwickelt, die es ihm ermöglichen, mit Wachkoma-Patienten in Kontakt zu treten. Es war ihm auf diese Weise gelungen, bei diversen Patienten, die sich vermeintlich in einem vegetativen Zustand befanden, Bewusstsein nachzuweisen. Eine bahnbrechende Entdeckung. Und ein Appell, Menschen, die nichts mitzubekommen scheinen, zu jedem Zeitpunkt wie Menschen zu behandeln – d.h. sie zu begrüßen, sich vorzustellen, Therapiemaßnahmen anzukündigen usw.. Einige von Owens Probanden, die sich im Laufe von Monaten oder Jahren wieder erholt hatten, schilderten ihm im Nachhinein, wie unschätzbar wichtig es für sie gewesen war, dass Ärzte und Angehörige sie nicht „abgeschrieben“ hatten. Und mein Vater war nicht einmal im Wachkoma, wenn auch in einer Zwischenwelt. Aber nach alldem, was ich dort mit ihm erlebt hatte in den letzten Tagen, konnten wir doch jetzt nicht aufgeben, oder?
Und was war mit all der Liebe, die in der vergangenen Woche durch die Intensivstation gerauscht und sogar bis nach Südafrika und Indien geflogen war, ging es da nicht um das Leben? Lasst mich noch mal einen Zeitsprung machen, um das besser zu erklären.

2. Spread your love like a fever! 

Als ich meinen Vater an Tag 2 nach seinem Herzstillstand im Krankenhaus besuche, im künstlichen Tiefschlaf, einem dicken Tubus im Mund und tausendfach verkabelt, frage ich die Schwestern zu allererst, ob sie ihn weiterhin direkt ansprechen. Als sie bejahen, erzähle ich ihnen unaufgefordert, was für ein besonderer Mensch mein Papa ist. Einer, der sich immer zuerst um die anderen gekümmert hat und sich selbst hintenangestellt hat. Jemand, den so viele Menschen lieben und schätzen, und ich am allermeisten. Als ich anfange zu heulen, legt mir eine der Schwestern dem Arm um die Schulter. Ich muss dazu sagen, dass wir uns mitten in Schleswig-Holstein befinden. Gefühlsausbrüche jeglicher Art sind in meiner nordischen Heimat eher spärlich gesät, und körperlich werden die meisten hier nur im Notfall. Es steht schlimm um meinen Papa.
Ich bin am Vormittag gekommen, obwohl die Besuchszeit offiziell erst um 14.00 beginnt. Weil es eine „Akutsituation“ ist, machen sie eine Ausnahme. Meine Mutter kommt trotzdem erst um Zwei, aber ich bin ganz froh, dass ich ein paar Stunden alleine mit Papa sein kann. Ich hau‘ alles raus. Erzähle ihm, wie stolz ich schon immer auf ihn war, wie dankbar und froh, dass er mein Vater ist. Ich erzähle ihm alle möglichen Anekdoten aus unseren 38 gemeinsamen Jahren, die mir so einfallen. Ich erzähle ihm von Andrea Wandel, bei der ich meine Fortbildung in der Trauma-Arbeit gemacht habe, und der ich gestern Nacht noch eine E-Mail geschrieben habe. Sie hat mir versprochen, aus Südafrika mit Papa in Kontakt zu gehen – ich bin überzeugt, dass das geht, und ich bin ebenso sicher, dass er sie mögen würde. Ich erzähle ihm auch von Beate, die ein 
Händchen für Wunder hat, und die gerade in Indien ist und dort mit Wildfremden am Ganges für ihn beten wird. Das kann ich alles nur laut sagen, weil ich alleine mit Papa bin. Der Rest der Familie würde mich für noch verrückter halten als sie es eh schon tun. Sie haben ja keine Ahnung, von wem ich das habe. Ich bin mir sicher, mein Vater ist genauso hochsensibel wie ich, das durfte bloß niemand wissen.

Zwischendurch bin ich immer wieder ganz still, weil mir ausgerechnet jetzt, wo mein Vater so still und regungslos vor mir liegt, vielleicht zum ersten Mal richtig bewusst wird, dass dieser Mann ein kleines Universum geschaffen hat. Mich. Alle meine abgefahrenen Gedanken und verrückten Gefühle gibt es nur, weil sie in einem Körper ein Zuhause gefunden haben. Und den gebe es ohne meinen Vater nicht. Ich spüre Ehrfurcht und Demut vor dem Leben. Gott sein Dank, und ich meine es genauso, gibt es nichts, was es zwischen meinem Vater und mir zu klären gebe. Ich war schon immer ein Papa-Kind, und die ganze Intensivstation darf das heute wissen. Als ich meinen Sohn vor fast fünf Jahren zur Welt brachte, habe ich das ganze Krankenhaus zusammen geschrien – war mir auch scheißegal. Es scheint, als wäre es an den Grenzen des Lebens mit meiner norddeutschen Zurückhaltung vorbei.

Zwei Tage später hat sich das Herz-Kreislauf-System meines Vaters so weit stabilisiert, dass ihm die Narkosemittel entzogen werden. Niemand will uns versprechen, dass er wieder aufwacht, und wenn ja – wie. In den vergangenen 48 Stunden habe ich immer wieder innegehalten und mich gefragt, ob ich wirklich glaube, dass in diesem mir so vertrauten Körper noch immer mein Papa steckt. Ob ich es vielleicht nur glauben will, weil – würde das nicht jeder tun? Die Krankenhaus-Seelsorgerin meint, ich würde den Unterschied spüren. Sie glaubt an meine Intuition, und an die Verbindung zwischen Papa und mir. Die Schwestern sagen, was sie eigentlich nicht laut sagen dürfen, „sie hätten alle ein gutes Gefühl.“
„Spread your love like a fever“, denke ich, eigentlich ein Song meiner Lieblingsband. Vielleicht hat es ja etwas gebracht.

Part II der Geschichte ist jetzt HIER erschienen:

Autorin: Sabrina Görlitz

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