Ein hochsensibler Blickwinkel Teil 3 – Eine Begegnung außerhalb der Zeit

Folge 3: Über die Ewigkeit in der Vergänglichkeit.

Autorin: Sabrina Görlitz.

Hinter uns liegen die sogenannten Rauhnächte– die zwölf Nächte zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag. Es heißt, es sind „Nächte außerhalb der Zeit“, und tatsächlich kommt diese Beschreibung nicht von ungefähr: Die Rauhnächte schließen bis heute die Lücke zwischen lunarer und solarer Zeit, zwischen Mond- und Sonnenkalender, und bilden auf diese Weise die vielzitierte „Lücke in der Zeit“. Ich mag diese Metapher sehr. Sie erinnert mich an ein portugiesisches Sprichwort: Mas que seja infinito enquanto dure– „May it be infinite while it lasts.“ Auf Deutsch klingt es leider etwas holpriger: „Auf dass es ewig sei, solange es anhält.“ 
Diese kleine große Zeile stammt ursprünglich aus einem Gedicht des Brasilianers Vinicius des Moraes aus dem Jahr 1939. Inzwischen ist ihre Botschaft um die ganze Welt gereist: Liebe kann gleichzeitig vergänglich undunsterblich sein. Und zwar unabhängig davon, wie lange sie gehalten hat – ein Leben lang, ein paar Jahre, ein paar Nächte, oder nur einen flüchtigen Augenblick. Manchmal ist die Liebe eben auch nur eine Momentaufnahme, und trotzdem oder gerade deswegen kann dieser Moment für die Ewigkeit sein. Auch ich kenne das Gefühl, jemanden für eine Nacht so sehr geliebt zu haben, dass diese Liebe problemlos für den Rest meines Lebens reicht, egal ob ich morgen sterbe oder in 50 Jahren, und ungeachtet der Tatsache, dass ich diese Person niemals wiedersehen werde. Und das ist so brutal tragisch und wunderschön zugleich, dass ich mich gleichzeitig verflucht und gesegnet fühle, diese Nacht jemals erlebt zu haben. 

Ich wollte meine nächste Dosis „Immortality“

Ich war Ende Zwanzig, und in der heutigen Hochsensibilitätsforschung würde man der jüngeren Version von mir vermutlich das Label „High Sensation Seeker“ verpassen. Intensive Begegnungen mit verschiedenen Männern, wie kurz diese auch gewesen sein mochten, waren rückblickend wohl mein Mittel der Wahl, um ein bisschen Unsterblichkeit zu erzeugen. Der unbewusste Versuch, eine Lücke in die Zeit zu reißen. Manchmal hat es funktioniert. Doch jedes Mal, wenn die Lücke sich unvermeidlich wieder schloss, wurden die Entzugserscheinungen größer: Ich wollte meine nächste Dosis „Immortality“, und zwar schnell, bevor ich wirklich sterbe. Die lineare „Echtzeit“, in der sich unser irdischer Körper bewegt, schreitet mitunter ja beängstigend schnell voran. Naja, und dann habe ich mir den goldenen Schuss gesetzt, in einer Augustnacht in Lissabon. An diesem Abend habe ich Joãogetroffen, und wer mag, kann die ausführlichere Version unserer Begegnung im Fach.Buch Hochsensibilitätnachlesen. Die Kurzform: Es war die ultimative Begegnung. 
Erst wollte ich es nicht wahrhaben, aber nach ein paar Monaten der erfolglosen Suche nach einer menschlichen Ersatzdroge stürzte ich in eine tiefe und bodenlose Traurigkeit. Wenn das Leben nur noch aus Kicks besteht, wird der Kick zur Routine und hebt sich selbst auf, schreibt der Philosoph Tristan Garcias in seinem 2016 erschienenen Buch „Das intensive Leben – eine moderne Obsession“. Umso wichtiger ist es, herauszufinden, wofür diese Kicks stehen, fügt Andrea Wandel 2017 im Fachbuch Hochsensibilität hinzu. Aber für mich hatten die 2020er damals gerade erst begonnen, und mangels Alternativen wandte ich mich nach dem Zufallsprinzip an eine Hamburger Therapeutin. 

Meine Geschichte war offensichtlich nicht gut genug

Während ich ihr von meiner Begegnung mit Joãoerzählte, konnte ich die Fassungslosigkeit in ihren Augen lesen und sie regelrecht laut denken hören: „Das arme Ding, da hat sich ein dahergelaufener Portugiese mit ihr die Zeit vertrieben, und jetzt glaubt sie, es war die große Liebe. Klarer Fall von Bindungsstörung.“ Tatsächlich referierte sie im Anschluss meiner Erzählung über meine offensichtlich nicht vorhandenen Schutzmechanismen und rätselte laut über die Rolle, die meine Mutter bei diesem Thema spielte. Ich verließ die Sitzung gelangweilt und desillusioniert. Meine Version der Geschichte war dieser Frau offensichtlich nicht gut genug, nicht wahr genug. Heute würde ich noch hinzufügen: nicht krank genug. Deswegen musste sie unbedingt um Störungen in der Herkunftsfamilie erweitert und mit unbefriedigten Kindheitsbedürfnissen überschrieben werden. Ganz ehrlich: Dafür war mir meine Geschichte damals schon zu heilig. Ich wollte keine weltliche Sezierung. Ich wollte eine spirituelle Einbettung in etwas Größeres, ich brauchte doch bloß etwas Hilfe dabei! 
Fürs erste packte ich meine Geschichte also wieder dorthin zurück, wo sie sicher wahr: in mein Herz. Denn auch wenn die Therapeutin mir einen mangelnden Schutzmechanismus vorgehalten hatte, ich wusste fortan sehr wohl, meine Geschichte zu schützen, wenn ich das Gefühl hatte, dass mein Gegenüber ihrer nicht würdig war. 

Zeit und Raum hatten keine Rolle mehr gespielt

Ein paar Jahre später schloss ich mein Herz wieder auf. Im HSP-Coaching bei Jutta Böttcher spürte ich die Sicherheit, dass ich ihr Joãoja zumindest mal kurz vorstellen könnte. Zum ersten Mal nach langer Zeit erzählte ich unsere Story wieder jemandem, und ich erzählte nicht nur, ich teilte sogar. Weil mir mein Gegenüber wirklich zuzuhören schien, und keine Absichten hatte, meine Geschichte zu ändern oder gar zu überschreiben. Im Gegenteil, Jutta war wie eine Hebamme, die gemeinsam mit mir die wahrlich ursprünglichste Version meiner Geschichte ans Licht brachte. Den universellen Archetyp sozusagen, der unter meinem individuellen Erlebnis verborgen lag, und nachdem ich die ganze Zeit gesucht hatte: Ich hatte eine Seelenbegegnungerlebt. 

Eine Begegnung, in der sich Liebe und Verbindung manifestiert und Gestalt angenommen hatten, im eigenen Körper und in dem des anderen, und auf diese Weise sichtbar geworden waren. Zeit und Raum hatten keine Rolle mehr gespielt, und für einen Moment hatte so etwas wie Unsterblichkeit eingesetzt. 

Paradoxerweise sind es oft aber genau diese Beziehungen, die schon in einem ganz frühen Stadium wieder vergehen. Wir sind eben (noch) keine körperlosen Seelen, sondern Menschen. Und es stimmt ja auch, da gebe ich jedem Therapeuten Recht – Menschen haben Traumata, und Bindungsstörungen, und Erwartungen und Stolz. Wenn wir also krampfhaft versuchen, an einer Seelenbegegnung körperlich festzuhalten oder sie künstlich zu verlängern, dann wird sie früher oder später unausweichlich von der Seelenebene auf die „Therapie-Ebene“ krachen, weil das nun mal die Ebene ist, auf der wir in unserem irdischen Leben zu 99 Prozent unterwegs sind. Aber diese kostbaren Momente davor, in denen sich zwei verletzliche Seelen in all ihrer Gesundheit begegnet sind und sich für einen Augenblick gegenseitig vervollständigt haben, die bleiben trotzdem wahr. Und vor allem sind sie nicht therapiebedürftig. Sie sind ein Geschenk des Universums, eine Sneak Preview auf die Unendlichkeit, und die Erinnerung schmeckt für immer bittersüß.

Auch die Coaching-Session mit Jutta wird mir mein Leben lang im Gedächtnis bleiben. Sie hat mich ermutigt, zu meiner „Eintagsliebe“ zu stehen, mir ihre Wahrhaftigkeit von niemandem absprechen zu lassen und ihr darüber hinaus ewiges Leben einzuhauchen. 
It was infinite while it lasted. Damals, in einer Nacht außerhalb der Zeit. 

Autorin. Sabrina Görlitz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.